Gartengeflüster: Sommerlicher Besuch

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Gartengeflüster: Sommerlicher Besuch

Von Nord nach Süd: Im Briefwechsel «Gartengeflüster» tauscht sich die Gärtnerin und Autorin Alexandra Zöbeli aus Madetswil im Zürcher Oberland äusserst unterhaltsam mit der Gartenbuchautorin Annette Lepple aus, die im Wallis und in Südfrankreich lebt. Dabei muss Alex ein ernstes Gespräch mit Hornissen führen und Annette geht nachts todesmutig auf Einbrecherjagd. Viel Vergnügen!

Liebe Annette
Wenn ich meinen ersten Rundgang durch den Garten mache – begleitet von einem gähnenden Kater, der sich lieber einem gut gefüllten Futternapf widmen würde –, muss ich immer mal wieder innehalten und mein Näschen in eine Blüte stecken. Manchmal fühle ich mich in meinem Garten im Zürcher Oberland ein klitzekleines bisschen wie die «Lady of the Manor». Gut, mit meinem schwarz-orangen Gartensack, den khakifarbenen Clogs an den Füssen und den pinken Gartenhandschuhen entspreche ich wohl nicht der Vorstellung einer solchen Lady. Eher dem niederen Fussvolk, das mit Brombeerranken kämpft und den Kehrbesen schwingt. Neulich musste ich gar an mich halten, damit ich nicht zum Staubwedel griff, um die riesigen Blätter des Kron-Rhabarbers (Rheum palmatum var. tanguticum) und der Funkien (Hosta) vom Schmutz zu befreien. So weit ist es schon gekommen: Abstauben im Garten! Du hast so recht, jetzt all deine traumhaften Sitzplätze zu nutzen. In der Hitze des Sommers zu arbeiten, ist sowieso nicht gesund. Besser, man geniesst in Ruhe eine Glace. Blöd nur, wenn man genau dann einer Hornisse zuschaut, wie sie beginnt, im Geräteraum ein Nest zu bauen. Kurz überlegte ich, sie gewähren zu lassen. So hätte ich eine gute Ausrede, die Pause auf dem Liegestuhl bis in den Spätherbst zu verlängern – schliesslich könnte ich ja nicht ohne Lebensgefahr zu meinem Gartenwerkzeug gelangen. Da sich aber der Rasenmäher meines Mannes ebenfalls dort befindet und ich gemähtes Grün sehr schätze, führte ich mit der Hornisse ein ernstes Gespräch unter vier Augen.

Bewaffnet mit einer ausziehbaren Astschere, stellte ich mich mutig vor die Tür des Geräteraums und forderte sie freundlich auf, ihr Nest doch bitte in die Holzbeige an der Ostwand des Hauses zu verlagern. Möglicherweise habe ich zu leise gesprochen und sie kam deshalb etwas näher herangeflogen. Auf alle Fälle endete die von ihr bestimmt freundlich gemeinte Kontaktaufnahme darin, dass ich die Astschere eilig von mir warf und mich mit einem Sprung über die Treppe in Sicherheit brachte. Ehrlich, ich habe wirklich keine Angst vor Hornissen … Respekt aber schon. Immerhin sind die fliegenden Fussgängerstreifen schon etwas grösser als Wespen, dafür aber längst nicht so hektisch und aggressiv. Aber was sollte ich nun mit ihr anstellen? Mann und Kater vorzuschicken, fand ich etwas feige. Deshalb wartete ich ab, bis sich die Hornisse abends in ihrem Nest zur Ruhe legte. Und du wirst es nicht glauben, sie hat sich wirklich auf ihr Nestchen gelegt wie wir Menschen. Es fehlte nur noch jemand, der sie zugedeckt hätte. Nein, so freundlich war ich dann doch nicht. Im Gegenteil, ich war der fiese Nachbar, der morgens um 2 Uhr auf die Autohupe drückt. Ich stellte einen Eimer unter das sich im Bau befindliche Nest und liess das Kunstwerk mit der langen Astschere herunterfallen. Frau Hornisse war darüber nicht glücklich, und ich musste zum zweiten Mal einen Sprung über die Treppe riskieren. Psst, meinem Mann habe ich natürlich erzählt, dass es überhaupt kein Problem war, die süsse Hornisse zum Umzug zu bewegen und dass ich nur deshalb humple, weil ich etwas ungeschickt aufgetreten bin.

 

Liebe Alex
In Frankreich ist der Sommer da, wenn man abends vor lauter Zikadengesang das eigene Wort nicht mehr versteht und einem die Glühwürmchen den Weg beleuchten. Eines lag kürzlich nachts vor meinem Bett. Frag mich nicht, was es da suchte, ich habe den Irrtum behutsam aufgeklärt und es in den Garten getragen. Sommer ist auch die Zeit der Hirschkäfer. Sie stehen brummend wie Rafale (das sind französische Kampfjets) in der Luft und geniessen hoffentlich ihre kurze oberirdische Zeit. Sie werden froh sein, dass das Römische Reich nicht mehr existiert, denn damals galten ihre fetten Larven als Delikatesse. Wusstest du, dass sie bis zu 8 Jahre unter der Erde verbringen und nach dem Auftauchen nur wenige Wochen leben? Bei uns heisst es «Survival of the fittest», denn es hat fast nicht geregnet, und mit Temperaturen um die 35 °C kannst du dir vorstellen, wie das Gras knistert, wenn ich morgens meine Runde drehe, um den Pflänzchen gut zuzureden. Selbst die Taglilien schmollen bei dieser Hitze. Die Einzige, die mich nie im Stich lässt und auch wild an Wegrändern blüht, ist die Gelbrote Taglilie (Hemerocallis fulva). Genau wie du liebe ich diese frühe Stunde, denn alles wirkt noch frisch und unschuldig. Im Gemüsegarten habe ich dieses Jahr mit Stroh und Farn gemulcht, was einen grossen Unterschied macht. Der Giessaufwand reduzierte sich um 50 %. Nächstes Jahr werde ich eine noch dickere Schicht auftragen. Zudem hat der Farn eine antiparasitäre Wirkung – und bislang gibt es keine Spinnmilben und Weisse Fliegen im Gewächshaus.

Heute habe ich stolz ganze sieben Früchte von der ‘Ersinger Frühzwetschge’ geerntet. Umso grösser war die Enttäuschung, als ich in jeder einzelnen einen Wurm fand. Zum Glück gibt es Wildpflaumen, und ich habe schon eine Ladung Konfi mit Zimt, Ingwer und Kardamom gemacht. Die Gläser stehen neben jenen mit Rhabarber und Erdbeeren und erfüllen mich mit unbändiger Vorfreude. An der Hauswand rankt die Passionsblume, eine der trockenheitsverträglichsten Pflanzen, die es gibt. Dasselbe gilt für den Lavendel, der dazwischen für duftende Farbtupfer sorgt. Leider verholzt er bei mir immer so schnell und sieht dann so struppig aus. Um das zu vermeiden, darf man beim Rückschnitt nicht zimperlich sein. Meine Clematis aromatica blüht seit Wochen und erfreut uns mit ihrem zarten Vanilleparfum. Hornissen haben wir übrigens auch, sie nisten in der Hauswand und sind zum Glück kein Problem. Die Wespen lassen sich leider bevorzugt im Eulennistkasten nieder, was den Eulen wiederum gar nicht gefällt. Übrigens, hast du denn noch Buchs? Nachdem der Buchsbaumzünsler beim wilden Buchsbestand Tabula rasa machte, rechneten wir mit dem Schlimmsten – doch bis heute verhält sich der Zünsler ruhig. Vielleicht haben die Vögel die Raupen als Delikatesse entdeckt? Ich kann nicht verstehen, dass Buchs in Gartenmagazinen noch immer empfohlen wird. Ich pflanze sicher keinen mehr. So, heute rücke ich der Linde mit der Schere zu Leibe und verpasse ihr wieder einen adretten Pilzschnitt. Mein Mann ringt jedes Jahr im Hintergrund die Hände und ist froh, wenn ich das Ganze ohne Sturz hinter mich bringe.

 

Liebe Annette
Nein, ich habe eigentlich kaum noch Buchs. Eine Kugel ist noch übrig, der Rest wurde von den gierigen Zünslerraupen vertilgt oder sah so erbärmlich aus, dass ich ihn selbst eliminiert habe. Nur die Harten in den Garten! Das wiederum bringt mich zum Thema «Temperaturen»: Bei uns sind mittlerweile ebenfalls 35 °C angesagt. Bestimmt freuen sich Herr und Frau Schweizer über die heissen Sommertage. Aber meine leise Befürchtung, dass mich der Storch auf der falschen Seite des Ärmelkanals abgeliefert haben könnte, bewahrheitet sich in diesem Sommer erneut. Alles was über 25 °C geht, gehört für mich definitiv in die Sauna. Zurzeit sind die Wasserstellen für Vögel und Igel ein beliebter Treffpunkt in meinem Garten. Allerdings ist das Giesskannenschleppen bei diesen Temperaturen eine einzige Folter, und wenn man dabei noch vom Kater beobachtet wird, der sich von seinem kühlen Plätzchen nicht mehr wegrührt, fördert das die Motivation nicht sonderlich.

Welche Unvernunft mich wohl geritten hat, in meinem Garten so viele Hortensien zu pflanzen! Ach, antworte nicht, ich weiss es ja auch so. Sie sind einfach eine Augenweide – wenn sie denn etwas zu trinken bekommen. Du hast mich gerade wieder daran erinnert, endlich eine Schicht Mulch bei ihnen auszubringen. Trotz des aufwendigen Giessens sind die Hortensien aus meinem Garten nicht mehr wegzudenken. Diese Vielfalt: Die Eichenblättrige Hortensie besticht durch ihre wunderschönen Rispenblüten und die tolle Färbung im Herbst, die Sorte ‘Hobergine’ ist eine einzige Farbenpracht über Magenta bis hin zu dunklem Violett. Und die gekräuselten Blüten von ‘Ayesha’ und ‘Hopcorn’ zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Wald-Hortensien bringen mit ihren zart weissgrünen Blüten Ruhe ins Beet, während Hummeln sumsend versuchen, ihre dicken Hintern in die Trompetenblüten der Hosta elata zu zwängen, die unmittelbar davor wachsen. In meinem «Gwundergarten» machen sich allerdings bereits erste Zeichen von Herbst bemerkbar. So verfärben sich die Beeren des Vogelbeerbaums in feuriges Orange, die Herbst-Anemonen zeigen erste Blütenknospen und das Licht wird sanfter, was die Spinnen wieder zu allerlei Unsinn zu animieren scheint. Daher esse ich zur reinen Selbstverteidigung wieder etwas mehr Schokolade. Das verhindert zwar nicht, dass ich in die zahlreichen Spinnennetze hineinlaufe, aber zumindest bin ich zu schwer, um darin hängen zu bleiben und als Futter zu enden. Ist bei euch im Süden der Sommer noch in vollem Gange oder hat der Herbst auch schon seinen ersten Zeh in deinen Garten gesetzt?

 

Liebe Alex
Oh ja, der Herbst liegt hauchzart in der Luft … am Morgen ist es an manchen Tagen empfindlich kühl oder zumindest kommt es mir nach der wochenlangen Bruthitze so vor. Die Hortensien räkeln erwartungsvoll die welken Triebe. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, ihnen zu sagen, dass erneut heisse Tage anstehen – schliesslich ist gutes Coaching sehr wichtig. Am besten kommen die Eichen- blättrigen Hortensien mit der Trockenheit zurecht. Da es aber seit Monaten nicht richtig geregnet hat, brauchen auch sie hin und wieder einen «Gutsch» Wasser. Nun beginnt langsam die Blüte der Kräuselmyrten bzw. Lagerströmien, deren Rinde und Habitus mit dem Alter besonders reizvoll werden. Zudem ist ihre Herbstfärbung atemberaubend, und du weisst ja, wie wichtig mir ein feuriges Finale ist … Es ist ein fantastisches Jahr für Hagebutten. Meine Wildrosen biegen sich unter der Last der Früchte, die es punkto Schönheit locker mit jeder Blüte aufnehmen. Am reichsten tragen Rosa pendulina ‘Bourgogne’, R. sweginzowii ‘Macrocarpa’ und ‘Scharlachglut’.

Viel Freude habe ich wie jedes Jahr an den Dahlien, die so prächtig blühen, dass ich ohne schlechtes Gewissen Blüten für die Vase schneide. ‘Café au lait’ hat sich zwar gemausert, produziert dennoch viel weniger Blüten als ihre Kolleginnen und steht im Beethintergrund, weil ihr Laub recht unansehnlich ist. Mein Liebling bleibt die orange Sorte ‘David Howard’. Wusstest du, dass sich nicht nur bei Gelb, sondern auch bei Orange die Geister scheiden? Verstehe ich nicht, wo gerade diese Farben so herrlich zu Spätsommer und Herbst passen und alles zum Glühen bringen. Jetzt, gegen Ende des Sommers, werden auch die Vögel wieder lebhafter. Die Pirole laben sich an den Feigen und sammeln Kraft für ihre lange Reise nach Südafrika. Schwalben wippen frech auf den Leitungsdrähten und besprechen wahrscheinlich ihre Flugroute. Vor Kurzem hörte ich in der Nacht einen Höllenkrach im Garten. Todesmutig stellte ich mich mit der Taschenlampe jedweder Gefahr, während alle anderen weiterschliefen. Der Einbrecher entpuppte sich als putzmunterer Igel, bei dem ich mich sofort für die Störung entschuldigte. Die Amseln haben es heuer wieder schwer, denn sämtliche Würmer verharren in der Tiefe. So treiben sie sich im Gemüsegarten und im Gewächshaus herum und legen sämtliche Wurzeln frei. Die ersten Herbst-Alpenveilchen blühen und versamen sich hoffentlich schnell und reichlich, denn mir schwebt unbescheiden ein dichter, grosser Teppich vor. Ich habe etliche davon im neuen Winter-Gartenteil angesiedelt, der diesen Sommer ums Überleben kämpft. Hier fiel die Pflanzzeit ausnahmsweise auf den Frühling, was nicht mehr vorkommen wird. Der Mönchspfeffer war heuer eine Pracht und ist sehr beliebt bei Insekten, vor allem bei der Blauen Holzbiene. Der Strauch ist absolut trockenheitsresistent und auch mit den Samenständen noch ganz adrett. Ich werde ihn mit der Zeit etwas aufasten. Ein Dauerblüher und toller Insektenmagnet ist übrigens das Steife Eisenkraut (Verbena rigida), das sich munter versamt. Künftig werde ich noch viel mehr auf solche problemlosen Gewächse setzen, die sich ohne mein Zutun wohlfühlen und vermehren.

 

Text & Foto: Alexandra Zöbeli und Annette Lepple

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