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Wie Sorten entstehen

Wie Sorten entstehen

Wie Sorten entstehen

Aus vielen Gemüsesorten lassen sich leicht Samen gewinnen – wenn das Saatgut sortenecht ist. Tulipan Zollinger vom Familienbetrieb Zollinger Bio Samen in Les Evouettes zeigt auf, wie Sorten entstehen und knackige Rüebli oder bunte Auberginen gezüchtet werden.

Warum sollte den alten Sorten nachgetrauert werden, wenn neue mehr Ertrag versprechen? Ist es nicht praktisch, wenn alle Salate genau gleich gross sind und ein ganzes Feld in einem Durchgang abgeerntet werden kann? Ist es nicht ein Riesenfortschritt, wenn Tomaten problemlos 3 Tage im Camion überleben, ganz ohne matschig zu werden? Holen wir ein bisschen aus, in die Geschichte der Pflanzenzüchtung. Vor 1492, der Entdeckung des amerikanischen Kontinents, war die europäische Ernährung eher langweilig: Die Kalorien kamen vom Getreide, für etwas Abwechslung sorgten Kohl und Rüebli, Linsen und Erbsen lieferten wertvolles Eiweiss. Damit hatte es sich auch schon.

Ein Stück Kulturgeschichte

Doch plötzlich tauchten exotische Gewächse auf: Kürbisse, Kartoffeln, Mais. Das beste Beispiel sind wohl die Bohnen: Diese mittelamerikanischen Gewächse überzeugten rasch durch ihre Anpassungsfähigkeit, ihren einfachen Anbau, ihre Fähigkeit, Stickstoff zu binden – und vor allem durch ihren hohen Eiweissgehalt in den getrockneten Samen, die manch eine Suppe bereicherten. Eher unabsichtlich wurden aus der Urbohne verschiedene Sorten «gezüchtet»: In den Kloster- und Bauerngärten wurde von jeder Ernte Saatgut für die nächste Aussaat auf die Seite gelegt. Mit der Zeit passten sich die Pflanzen an lokale Bedingungen wie Klima, Böden oder kulinarische Vorlieben an. So entstanden unzählige regionale Landsorten, die ihre Herkunft im Namen tragen: die Bohnen ‘Brienzer Chrugler’, die ‘Schöne von Richigen’, die ‘Blaue von Muotathal’ oder die ‘Isérables’. Jede Sorte ist ein Stück Kulturgeschichte.

Von Mendel bis zur modernen Züchtung

Mit dem 19. Jahrhundert und den Erkenntnissen Gregor Mendels begann die gezielte Pflanzenzüchtung. Statt auf Zufall zu hoffen, übertrugen Züchter den Pollen gezielt von einer Pflanze auf die andere. Daraus entstand eine Vielfalt an Nachkommen, aus der man die Besten auswählte. Schritt für Schritt keimten so immer neue Sorten – robuster, ertragreicher, manchmal auch hübscher anzusehen. Die wichtigste «Zutat» dabei sind die Gene. Sie sind wie ein Malkasten: Je mehr Farben vorhanden sind, desto vielfältiger die möglichen Bilder. Lange Zeit standen den Züchterinnen und Züchtern Hunderte alter Sorten als Farbstifte zur Verfügung. Doch je erfolgreicher die neuen Hochleistungssorten wurden, desto stärker verdrängten sie die traditionellen Landsorten. Plötzlich erkannten die Pflanzenzüchter, dass ihr Malkasten fast leer war.

Biodiversität als Schatzkiste

Zum Glück kam diese Erkenntnis rechtzeitig: 1993 verpflichtete sich die Schweiz im Rahmen der UN-Konvention über die biologische Vielfalt von Rio, ihre Biodiversität zu schützen. Ziel des völkerrechtlich bindenden Abkommens war es, die Vielfalt des Lebens auf der Erde zu erhalten, ihre nachhaltige Nutzung zu fördern und die Vorteile aus der Nutzung genetischer Ressourcen gerecht zu verteilen. Was viele nicht wissen: Sie betrifft nicht nur seltene Wildpflanzen und Tiere, sondern auch Nutzpflanzen. Seither sichert die Nationale Genbank im Kanton Waadt Tausende Sorten als Reserve für die Zukunft. Noch wertvoller als das Einfrieren im Tresor ist der aktive Anbau: Nur wenn Pflanzen weiterhin wachsen, können sie sich anpassen – an neue Schädlinge, den Klimawandel oder an veränderte Konsumgewohnheiten. Hier liegt die eigentliche Magie: eine stille Symbiose zwischen uns Gärtnerinnen und Gärtnern und den Pflanzen, die uns ernähren. Wir hüten sie, und im Gegenzug schenken sie uns immer neue Vielfalt.

 

Text Tulipan Zollinger    Foto Stephanie Wittmer

 

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