Gemeinsames Gemüseglück
Vom Schrebergarten zum offenen Begegnungsraum: Dieser Quartiergarten in Zürich ist für alle da. Und hat punkto Gemüse-Know-how ganz viel zu bieten.
Der Verein «Quartiergarten Hard», gegründet 2013, hat auf einer Brachfläche in Zürich einen biodiversen Garten angelegt, der das Zusammenleben im Quartier fördert, Kindern zwischen Hochhäusern einen Spiel- und Naschplatz bietet und wo erst noch mit viel Know-how Gemüse angebaut wird. In Zürich gärtnern sie nach der Methode von Gertrud Franck. Noch nie gehört?
Beet nach Gertrud Franck
Gertrud Franck (1905 – 1996) war eine deutsche Biogärtnerin und Autorin. Durch ihre Heirat mit einem Landwirt legte sie auf einer zuvor als Schweineweide genutzten Fläche des Hofs einen rund 1 ha grossen Gemüse- und Obstgarten an. Dabei beobachtete sie, dass gewisse Pflanzen in bestimmten Nachbarschaftsverbänden besser und in anderen schlechter gediehen. Ab den 1940er-Jahren entwickelte sie ein eigenes Mischkultursystem: die Reihenmischkultur mit integrierter Fruchtfolge, Gründüngungssaaten und Flächenkompostierung. Ihr Anliegen war es zunächst, mit der von ihr entwickelten Reihenmischkultur den Frauen auf dem Land ein praktikables Gartenbausystem zur Hand zu geben, mit dem sie kräfteschonend gesundes Gemüse und Obst zur Eigenversorgung anbauen konnten. Der entscheidende Durchbruch gelang ihr mit Erscheinen ihres Buches «Gesunder Garten durch Mischkultur» im Jahr 1980. Dieses Standardwerk erreichte insgesamt acht Auflagen.
Den Obstgarten neu denken
«In einem umweltfreundlich bewirtschafteten Garten müssen wir uns genau wie im Gemüseteil auch beim Obst grundlegend neu orientieren», schrieb Gertrud Franck im Vorwort ihres Buches. Im Baumgarten des Hard-Areals wurden im vergangenen Jahr zwölf neue Obstspalierbäume gepflanzt: zum Beernten, aber auch als natürliche Schattenspender, denn das Grundstück ist sonnenexponiert und heizt sich durch die umliegenden Häuser stark auf. Die Gruppe hat die Baumscheiben ganz bewusst bepflanzt: «Fingerhut ist sehr gut für Bäume», weiss Christine, «aber auch Baldrian, Wermut, Beinwell oder Lupinen.» Diese sogenannte Baumgilde beschreibt eine Gemeinschaft von verschiedenen Pflanzengattungen, die um einen Baum herum wachsen und diesen positiv beeinflussen. Sie besteht also aus einem zentralen Baum und mehreren sogenannten Förderpflanzen. Diese sind dafür da, den Baum besonders in seinen ersten Jahren zu unterstützen, indem sie verschiedene Funktionen abdecken. Eine Baumgilde ist ein kleines Mikro-Ökosystem mit der Funktion, dem Baum auf natürliche Weise beim Wachstum und der Maximierung der Ernte zu helfen. Die Pflanzen, die man in eine Baumgilde einsetzt, können verschiedene Aufgaben übernehmen. Lupinen, Erbsen, Bohnen und Klee können etwa Stickstoff sammeln und so Nährstoffe fixieren, also den Boden auf natürliche Weise aufwerten. Sogenannte Bodendecker, etwa Gundelrebe, Kapuzinerkresse, Rotklee oder Erdbeeren, dienen als Schutz vor Austrocknung des Bodens und verhindern Grasbewuchs unter dem Baum. Ausserdem sind sie hervorragende Mulchlieferanten, da sie Nährstoffe anreichern, die durchs Mulchen in den Oberboden gelangen können.

Den Geist von Gertrud Franck weitertragen
Auf dem Hard-Areal ist geballtes Gärtnerwissen vereint. Susanne stammt etwa aus einer Bauernfamilie und hat den grünen Daumen schon mit der Muttermilch aufgenommen. Christine bewirtschaftet neben der Heilkräuterguppe eine Pflanzreihe im Gertrud-Franck-Beet. «Das ist ein guter Einstieg für neue Mitglieder, die erst mit dem Gärtnern beginnen», erklärt sie. «Denn die Pflanzreihen im Gertrud-Franck-Beet sind kürzer, und das Nebeneinander von Anfängern und erfahrenen Gärtnerinnen ist ideal für Hilfestellungen und den Austausch von Tipps und Tricks.» Heute wird der Quartiergarten Hard von den aktuell 161 Aktivmitgliedern des Vereins bewirtschaftet. Alle tragen bei, was für sie möglich ist: Man schliesst sich einer oder mehreren Gruppen an, die sich unabhängig um unterschiedliche Bereiche kümmern. Neue Pflanzprojekte werden im Plenum diskutiert. «Darüber hinaus werden wir wohl alle anstreben, dass sich unsere Gärten in vielfältiger Schönheit, in Ordnung und Harmonie zeigen und durch Farbenpracht und Düfte zur Quelle der Stärkung und Freude werden», wie einst Gertrud Franck schrieb. In diesem Zürcher Gemeinschaftsprojekt ist das aufs Schönste gelungen.
Text zvg Fotos Stephanie Wittmer
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