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Ein bisschen Punk muss sein

Ein bisschen Punk muss sein

Im Bildungsgarten der PH Bern kann man von und in der Natur lernen – ein handfestes Angebot in Zeiten von digitalem Lernen und KI. Ausserdem ist dieser biodiverse Schaugarten jederzeit einen Besuch wert.

Einer der Kurse für Lehrpersonen im Institut für Weiterbildung und Dienstleistung der PH Bern heisst «Dufte Schule». Das passt zum Projektleiter des Gartens. Jan Egger versucht hier, das Schulgärtnern an den Mann beziehungsweise an die Frau zu bringen. Für die PH Bern ist der Bildungsgarten ein Ort, wo handlungs- und erfahrungsorientiertes Lernen mit fachlichen und überfachlichen Themen zusammenfällt und eine nachhaltige Entwicklung in den Unterricht integriert wird. Die Idee dazu entstand gemeinsam mit dem Institutsleiter Jürg Arpagaus. Den Garten zu übernehmen, musste man dem passionierten Gärtner nicht zweimal sagen. «Ich habe vieles gemacht im Leben», erzählt der 55-jährige zweifache Vater. «Aber das Gärtnern, das ist immer geblieben.»

 

Fantastisches Teamwork

Jan hatte also eine grüne Wiese mit Neophyten und Blacken vor sich, auf der der zukünftige Bildungsgarten entstehen sollte. Als Soziologe weiss er um die Wichtigkeit von Kooperationen und suchte deshalb Projektpartnerinnen. Die Ökonomische Gemeinnützige Gesellschaft Bern (OGG Bern) unterstützt das Projekt mit ihrem Netzwerk, mit Kollaborationen und auch finanziell. «Bern ist Bio» hat die Löhne von Studierenden und Dozierenden der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) übernommen. «Ich durfte quasi wählen, welche Kompetenzen ich benötige: Bodenspezialistinnen, Permakultur-Fachexpertinnen, ein Bewäs­serungsfachmann … das war schon toll und die Zusammenarbeit hat immer grossen Spass gemacht.» Auch Kurse wurden im Teamteaching mit externen Fachleuten durchgeführt. Mit seinem Fachwissen entwickelte sich auch Jans heutiges grosses Netzwerk in der Gartenszene. «Der Bildungsgarten ist auch für mich ein Bildungsprojekt – ich habe viel gelernt im anregenden Austausch mit all diesen Menschen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten.»

 

Schaugarten als Inspirationsquelle

Im Zentrum steht der Gemüsegarten mit Rahmenbeeten, doch mit der Zeit setzte Jan sich vertieft mit Stauden, Kräutern, Duftpflanzen und der Biodiversität auseinander. Der Aufwand ist wesentlich geringer als beim Gemüse und es sind Inhalte, die sich hervorragend mit zahlreichen Unterrichtsthemen verbinden lassen. «Der Bildungsgarten soll auch eine Art Schaugarten sein und den Lehrpersonen als Inspirationsquelle dienen», erklärt Jan. «Hier gibt es viele verschiedene Elemente wie unterschiedliche Hügelbeete, diverse Insektennisthilfen, ein Teekräuterbeet, eine Käferburg – Selbstgemachtes, Aufwendiges und Einfaches ebenso wie komplette Fertiglösungen.» Hilfreich waren und sind bis heute die Mitarbeitenden von Stadtgrün Bern. «Sie stehen uns unkompliziert zur Seite, ob wir nun Totholz benötigen, Steine oder Wildbienensand.»

 

Was? Ein Punk-Garten?

Kürzlich war Jan im Centre Pompidou in Paris und sah dort das Büchlein «Petit traité du jardin punk – apprendre à désapprendre» (Kleine Abhandlung über den Punk-Garten – lernen, zu verlernen) von Eric Lenoir. Im Klappentext heisst es: «Der Punk-Garten lädt dazu ein, das Potenzial jedes Ortes zu erkennen, um ihn zu nutzen, zu verbessern, die Artenvielfalt zurückzugewinnen und der Natur einen bedeutenderen Stellenwert zu verschaffen – weg von einem lächerlichen oder gar nicht vorhandenen Status. Befreit von den Regeln der traditionellen Gartenarbeit sind die geschaffenen Räume, ob öffentlich oder privat, ungezwungen, freier, schöner, wilder – und die Gärtner ebenfalls. Entdecken Sie auf den Seiten dieses kleinen Buches Tipps und Tricks – die man natürlich missachten sollte – mit denen Sie Ihren Garten ‹punkisieren› können.» Jan erinnert sich gut an den Moment im Museums­shop. «Ich musste schmunzeln, denn ich fühlte mich total angesprochen. Es ist eigentlich so, wie ich schon immer gegärtnert habe.» So verwertet er alle Materialien, die im Garten vorkommen sind – das kann auch mal ein Steinhaufen aus Betonschrott sein. «Wichtig ist, dass man etwas macht mit dem, was in der Nähe vorhanden ist. Das soll einfach, günstig, schnell und nicht zu aufwendig sein, also keine Grossprojekte, die einem dann über den Kopf wachsen. Das Ganze soll auch noch ästhetisch sein: Das Ziel ist, dass das Resultat besser aussieht als vorher.»

 

Dilemma im Gemüsebeet

Auf dem Gartenrundgang merkt man rasch: Hier ist jemand mit Herz und Fachwissen am Werk. Auch die Kreativität steht im Fokus. Eine Studentin hat wunderschöne, fantasievolle Pflanzenschilder erstellt. Im Beet mit den Teekräutern wurden kleine Teekännchen auf Pflanzenstecken angebracht. Es gibt ein Duftpflanzenbeet und ein Giftpflanzenbeet. À propos Gift: Kommen in diesem Garten chemische Düngemittel oder Insektizide zum Einsatz? «Ein paar Schneckenkörner ab und zu», gesteht Jan. «Es ist ein moralisches Dilemma – ein super Lernanlass, um ihn mit Schülerinnen und Schülern zu diskutieren: Darf man Schnecken töten?»

 

Bildung über Bilder

In der Schweiz ist das Gärtnern nicht fester Bestandteil des Lehrplans und wird meist von einzelnen engagierten Lehrpersonen praktiziert. Dabei bietet sich das Schulgärtnern für viele Herausforderungen der heutigen Schule an. «Wenn man will, findet man zahlreiche Möglichkeiten, das Gärtnern in seinen Unterricht zu inte­­g­rieren», ist der erfahrene Pädagoge überzeugt. «Beim Säen muss man rechnen und im Kunstunterricht kann man botanische Pflanzenzeichnungen oder Land-Art-Projekte machen.» Er sieht den Garten als multifunktionellen Raum, ähnlich wie eine Turnhalle. Dieser ermöglicht neben dem Gärtnern verschiedenste weitere Formen des Erlebens: Korben, Färben, alte Kulturtechniken. Jan ist überzeugt, dass das Lernen über das Handeln und Erfahren in der heutigen Schule zu kurz kommt. «Wir lernen zu oft bildlich-symbolisch, am Smartboard oder mit Arbeitsblättern, und betrachten abstrakte Bilder einer Schnecke, anstatt sie draussen zu entdecken.» Wir stehen vor einem verwilderten Platz, an dem in Kürze ein neuer Staudengarten mit Färberpflanzen entsteht. «Ich liebe Kurse, bei denen ich selber etwas lerne. Kürzlich habe ich einen Duftpflanzenkurs gegeben.» Ganz «Dufte Schule» eben. Doch am liebsten mag Jan die Kindergärteler, die im Bildungsgarten ein Beet bewirtschaften. Sie toben herum, betrachten eine Blüte oder riechen daran. «Und während wir Erwachsenen noch unsere Lesebrillen hervorkramen, hat die ganze Kindergartenklasse, ausnahmslos alle, schon eine Marienkäferlarve gefunden.»

TEXT Stefanie Stäuble   FOTOS Bettina Häfliger

 

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