Der wilde Jelle
Seinen internationalen Durchbruch als Gartendesigner erreichte Jelle Grintjes mit farbenprächtigen Staudenwiesen. Zehntausende Menschen folgen ihm mittlerweile auf Instagram.
Seine Pflanzungen erscheinen oft wie selbstverständlich gewachsen, obwohl sie mit viel Feingefühl komponiert sind. Diese Verbindung aus natürlicher Leichtigkeit und gestalterischer Klarheit macht die Faszination von Jelle Grintjes Gärten aus. Der Antrieb des Niederländers ist dabei nicht Selbstdarstellung, sondern der Wunsch, Menschen mit Farbe und Vielfalt in den Beeten mitzureissen. «Die meisten Gärten sind sehr monochrom», bedauert er. Wenn es ihm gelänge, seinen knapp 100 000 Followern zu zeigen, dass abwechslungsreiche Pflanzungen nicht automatisch mehr Pflege bedeuten, beeinflusse das im besten Fall Tausende Gärten, die so weniger versiegelt, dafür bunter und artenreicher würden; für den Landschaftsgestalter ist das gelebter Naturschutz. Die Verantwortung, die er mit seinem Instagram-Account trägt, ist ihm dabei sehr bewusst. Viele Menschen orientieren sich unmittelbar an seinen Pflanzungen, probieren Kombinationen und Pflegeschritte aus oder übernehmen bestimmte Arten und Farbkonzepte in ihre eigenen Gärten.
Wiesenhafte Kontrastfarben
Seine visuellen Vorbilder findet Jelle unter anderem in den Blumenwiesen der Schweizer Alpen. Im Gegensatz zu vielen Gartenbesitzern schreckt ihn eine grosse Farbvielfalt nicht ab. Während andere vor allem Blau-, Purpur- und Weisstöne bevorzugen, ergänzt er bewusst Stauden mit roten oder orangen Blüten. So entstehen Pflanzbilder, die zwar naturhaft erscheinen, dabei aber lebendiger und spannender wirken. Auch farbliche Gegensätze sind Jelle in seiner Komposition wichtig: Blauvioletter Ziersalbei trifft auf gelbe Schafgarbe oder auf die leuchtend rote Brennende Liebe – allerdings stets wohldosiert: «5 % reichen», findet er. Gerade diese kleinen Störungen innerhalb harmonischer Farbflächen machen für ihn den Reiz einer Pflanzung aus. Sein eigener Garten im niederländischen Herwen, den man während der Sommermonate an den Wochenenden besuchen kann, verändert sich im Rhythmus von jeweils rund 3 Wochen. Im Frühjahr dominieren 40 000 bis 50 000 Zwiebelblumen mit klaren, teils fast grellen Farben. Um auch beim Setzen der Zwiebelblumen einen möglichst naturhaften Effekt zu erzielen, setzt Jelle auf das Prinzip Zufall. Kleine Zwiebeln mischt er in einer Schubkarre und wirft sie ins Beet, damit keine geordneten Reihen entstehen. Grosse Zwiebeln platziert er gezielt zwischen Stauden, sodass deren Laub die vergilbenden, zunehmend unansehnlichen Blätter der Frühblüher verdeckt. Das Gartenbild bleibt dadurch über einen längeren Zeitraum stimmig.
Ein Bad in den Pflanzen
Ab Mai wird das Bild in Jelles Pflanzungen weicher. Nun kann er mit bis zu 5000 verschiedenen Stauden «malen», ergänzt durch Gräser und zahllose Zwischentöne. Unverzichtbar sind für ihn die Gräser, zumindest in den klassischen Pflanzungen rund ums Haus. Sie machen in der Natur den Grossteil der Vegetation aus, und genau daran ist das menschliche Auge gewöhnt. «Für ein natürliches Gartenbild sollten 80 % aus Gräsern und Blättern bestehen und nur 20 % aus Blüten», rät Jelle. Ab Juni wachsen seine Beete so hoch, dass man beim Durchschreiten vollständig in die Pflanzung eintaucht. Wege verschwinden teils zwischen den Stauden, Perspektiven verändern sich mit jedem Schritt. Besondere Freude macht ihm dabei das fortwährende Entdecken kleiner Details: einzelne Blüten, neue Farbübergänge oder Pflanzen, die sich plötzlich in den Vordergrund schieben. Natürlichkeit entsteht bei ihm jedoch nicht nur im Grossen, sondern auch im Detail: Setzt er zum Beispiel Steppen-Salbei (Salvia nemorosa) oder Prärielilien (Camassia leichtlinii) ein, kombiniert er 100 Pflanzen einer Sorte mit wenigen Exemplaren leicht anders gefärbter Varianten. So entsteht ein Bild, das wie zufällig von der Natur versamt wirkt, obwohl es bewusst so komponiert ist. Diese feinen Unterschiede innerhalb einer Art verleihen den Pflanzungen eine grosse Ruhe und gleichzeitig eine enorme Lebendigkeit.
Fulminantes Finale
Den Herbst hingegen mag Jelle weniger, besonders das viele Braun. Ihn interessiert eher das Gegenmoment: ein Garten, der nicht leise ausklingt, sondern sich fulminant verabschiedet. Mit Astern und heimischer Goldrute (Solidago virgaurea) lässt er das Gartenjahr bevorzugt mit einem letzten intensiven Farbakzent ausklingen – ein finales Feuerwerk im Beet. Neben Einladungen als Redner und zahlreichen Publikationen in Gartenmagazinen hat sich durch Jelles wachsende Bekanntheit vor allem die Dimension seiner Arbeit in den letzten Jahren verändert. Während seine früheren Gärten oft zwischen 1000 und 2000 m² gross waren, gestaltet er heute Flächen bis zu 50 000 m². Eine Grössenordnung, die andere Lösungen verlangt als frühere, kleinere Projekte. Klassische Staudenpflanzungen sind hier allein aus Kostengründen kaum umzusetzen, sodass Jelle anstelle Zehntausender Pflanzen zunehmend mit Aussaaten arbeitet. In diesen weiter vom Haus entfernten Bereichen entstehen weitläufige Flächen aus Wildblumen, die er gezielt mit Ziersorten ergänzt: Akelei (Aquilegia vulgaris) etwa, in die er Sorten wie ‘Black Barlow’ einwebt, dazu Astern und einzeln gesetzte Stauden als feste Ankerpunkte im Bild. Insgesamt reduziert sich die Zahl der gepflanzten Stauden dadurch deutlich. Rund 20 000 Pflanzen reichen im Gegensatz zu den konventionell rechnerisch benötigten 80 000 auf vergleichbarer Fläche aus. Gleichzeitig werden die Anlagen deutlich pflegeleichter. Zwei Mahden pro Gartenjahr genügen, um die Vielfalt der Flächen langfristig zu erhalten. Ergänzt wird das Ganze auch hier durch ästhetisch passende Zwiebelpflanzen wie Schachbrettblume (Fritillaria meleagris), Zierlauch (Allium) oder Prärielilie (Camassia), um das Gartenjahr möglichst früh und stimmig zur übrigen Pflanzung einzuleiten. Auffällig ist dabei auch, dass der Gartendesigner bei diesen Pflanzungen Gräser bewusst vermeidet, die ansonsten in seinen Staudenwiesen eine tragende Rolle spielen. In grossflächigen Aussaaten würden sie langfristig dominieren und die Vielfalt verdrängen. Stattdessen setzt er auf ein Bild, das an natürliche Wiesen erinnert, jedoch mit leichten Höhenverschiebungen spielt, in denen sich einzelne Arten wie Wiesenknopf (Sanguisorba) – einer der grossen Lieblinge von Jelle –, oder späte Astern über die Fläche erheben und ihr zusätzlich Struktur verleihen. Sein eigener Garten wächst bis heute weiter. Vielleicht kommen noch ein paar Quadratmeter hinzu, vielleicht ein Stück Wiese vom Nachbarn. Eines ist sicher: Jelle Grintjes liebt seine Arbeit und teilt sie grosszügig. Besonders gerne erinnert er sich an den Besuch von Englands Gartenpapst Monty Don, den er als offen, herzlich und angenehm uneitel beschreibt. Eine Haltung, die man auch Jelle selbst sofort zuschreibt.




